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Ich bin aufgeregt, mein Herz flattert, meine Finger sind eiskalt. Ein Gefühl, das zum Verwechseln ähnlich ist mit der Aufregung, die sich einstellt, wenn man zum ersten Mal verabredet ist. Und doch ist es ein ganz anderes. Es fühlt sich eher unangenehm an, denn da ist eine Klammer, die sich um den Magen herumgezogen hat. Josh war ein paar Tage unterwegs und früher, vor einigen Monaten noch, bin ich gerne zum Flughafen gefahren um ihn abzuholen. Das ist heute anders. Es ist als würde ich einen Fremden abholen.

Ich brauche Musik. Im Klassik-Radio läuft gerade nichts, was zu meiner Stimmung passt. Der Boléro von Ravel wäre jetzt beruhigend. Das Prinzip Wiederholung wird hier bis auf das Äußerste ausgereizt. Das ganze Stück ist ja nur eine einzige Wiederholung, die durch die immer neu und stärker einsetzenden Instrumente eine scheinbare Abwechslung erzeugt. Faszinierend. Ich würde den Boléro sehr gerne einmal in einem Orchesterkonzert live hören. Das muss ein tolles Erlebnis sein.

Mit Josh bin ich nur einmal in ein klassisches Konzert gegangen. An dem Abend wurden Stücke von Debussy, Liszt und Chopin aufgeführt. Ich weiß nicht mehr, was der thematische Überbau gewesen ist, ich erinnere mich nur daran, dass Josh ziemlich gelangweilt gewirkt hat und nach der Pause beinahe versäumt hat, wieder rechtzeitig seinen Platz einzunehmen. Danach habe ich ihn niemals mehr gefragt, ob er mich in ein klassisches Konzert begleitet. Ich war nicht beleidigt oder gekränkt, ich habe einfach nur gemerkt, dass es keinen Sinn hat, Josh an etwas heranzuführen zu wollen, zu dem er keinen Zugang hat.

Musikalisch hören wir mit zwei verschiedenen Ohren. Josh mag Pop, ich Klassik. Er steht auf die Beatles, ich auf Beethoven. Ich habe das nie als Problem gesehen, da ich nicht daran festhalte, dass man in einer Beziehung alle Vorlieben teilen muss. Josh hat mich ja auch nie gedrängt mit ihm auf ein Pop-Konzert zu gehen. Überhaupt haben wir immer versucht, die Freiräume des anderen so weit wie nur möglich zu respektieren. Ich fand das immer gut so, denn ich brauche meinen Raum und meine Zeit. Eine Beziehung hat für mich nichts mit bedingungsloser Symbiose zu tun.

Doch nach dieser Geschichte frage ich mich, ob wir genug Gemeinsames haben, so dass unsere Liebe Bestand haben kann? Vielleicht ist es genau das, was uns letztendlich voneinander ferngehalten hat. Ich denke bewusst nicht „was uns voneinander entfernt hat“. Denn eigentlich halten wir uns seitdem wir zusammen sind, auf einer gewissen Distanz, lassen uns nicht tiefer aufeinander ein. Das ist nicht alleine Joshs Schuld, ich weiß, dass ich in dieser Sache schwierig bin. Immerhin habe ich es bislang mit keinem anderen Mann an meiner Seite solange ausgehalten. Trotzdem muss sich etwas ändern. Bei mir, bei ihm, bei uns. Eine Beziehung zu führen, in der man sich fremd ist, dass kann kein guter Weg sein. Ich …

… verdammt noch mal. Was macht der da? Ist der blind? Pass doch auf, Du Hornochse!