23:24

Was für ein Abend. Gestern war diese große Geburtstagsgesellschaft da, turbulent war es hier und die Zeit am Herd verging wie im Flug. Heute Abend hingegen ist es sehr ruhig im Restaurant, obwohl alle Tische besetzt sind. Viele Pärchen, wie so oft an Samstagabenden. Die meisten Gäste haben das das Menü „La course d’amour“ bestellt. Vielleicht kam es mir deshalb so ruhig vor, weil ich mich beim Koordinieren und Kochen nur auf wenige Gerichte konzentrieren musste. Verschiedene Gerichte gleichzeitig auf die Teller zu bringen bedeutet schon wesentlich mehr Konzentration und – man mag es nicht glauben – mehr körperliche und geistige Anstrengung als ein Menü in Folge zuzubereiten. Also ein meditativer Arbeitsabend für mich, muss auch mal sein. „La course d’amour“ scheint sehr gut angekommen zu sein.

Ich frage mich, ob der Restaurantkritiker heute da gewesen ist von dem alle hier reden. Seit ein paar Tagen geht das Gerücht rum, dass er? sie? hier vorbeikommen soll, inkognito natürlich. Das Ergebnis eines solchen Besuchs lässt sich immer erst Tage später lesen und dann weiß man in der Regel immer noch nicht, wer er? sie? gewesen ist. Ich stelle mit immer einen Louis de Funès als Gourmand vor, der sich verkleidet bei uns an einen Tisch setzt, ganz so wie in dem Film „L’aile ou la cuisse“. Die Vorstellung allein ist zu lustig, ich muss sofort lachen, wenn ich mir vorstelle, dass unsere Kellner um den kauzigen Gast einen Bogen machen und er uns dafür später richtig in die Pfanne haut. Mir ist es eigentlich egal, ob ein Kritiker kommt oder auch nicht. Ich koche, was ich kochen will und bislang hat sich noch keine Gast beschwert. Ich koche, weil ich kochen will und nicht, weil ich Sterne, Kochlöffel oder andere Punkte sammele. Mein Erfolg ist, wenn es den Gästen schmeckt.

Was will BI noch von mir? Ich solle mal rauskommen, sagt sie, da sei Besuch für mich. Um 23:24? Jenna? Aber warum sollte sie so spät vorbeikommen? Außerdem hätte sie mir eine SMS geschickt. Emma? Lisa? Ja doch, ich komme gleich. Wer will mich sprechen? Der Herr wartet an der Bar. Wer ist es? Der Kritiker? Jetzt wird mir doch ein wenig mulmig.

Nein, das ist bestimmt kein Kritiker. Der Mann an der Bar kommt mir irgendwie bekannt vor, mehr noch, er ist mir seltsam vertraut. Ich kann mich nur gerade nicht erinnern, woher ich ihn kenne. Er ist kein Gast, so viel ist sicher, denn hier habe ich ihn noch nicht gesehen. Aber wo habe ich ihn dann getroffen? Er sieht so müde aus. Vielleicht hatte er einen anstrengenden Tag. Aber nein, das ist es nicht. Er sieht insgesamt müde aus, ganz so, als ob er tage- oder vielleicht sogar wochenlang nur sehr wenig geschlafen hätte.

Er erinnert mich an meinen Vater. An meinen leiblichen Vater. Aber das ist unmöglich. Mein Vater ist tot. Und selbst wenn er noch leben würde, er wäre viel älter als der Mann, der an der Bar sitzt. Dieser Mann ist sogar gute zehn Jahre jünger als ich. Aber die Augen – es sind die Augen meines Vaters. Auch der Mund. Nur die Nase, sie passt nicht.

Guten Tag. Kennen wir uns? Oh, vous parlez français ? Bonsoir, je suis Patrice. Enchanté, Monsieur … ?

Le café gourmand dans la course d’amour