Die Zukunft entsteht aus der Vergangenheit

Ich habe meinen Bruder wieder gefunden. Genau genommen hat Ousmane Djibril wiedergefunden. Djibril, der war ich vor meinem Leben in Deutschland. Djibril war der kleine Junge, der im Senegal an der Grenze zu Mauretanien mit seiner Familie in einem kleinen Dorf gelebt hat. Djibril hat Ousmane kaum gekannt, als er aus dem Senegal geflohen ist, denn zu diesem Zeitpunkt war Ousmane noch ein Säugling, den Djibril unmöglich hätte mitnehmen können auf diese gefährliche Reise.

Dann, am Abend des 8. Juni 2013 kurz vor Mitternacht, hat er an der Bar gesessen und auf mich gewartet. Ousmane ist meinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, nur die Nase, die passt nicht ganz, sie ist etwas schmaler und leicht aufgeworfen. Daran erkenne ich, dass er mein Bruder ist, denn es ist meine Nase, die er in seinem Gesicht trägt. Eigentlich ist es die Nase meiner Mutter. Ousmane freut sich, dass ich die feinen Gesichtszüge unserer verstorbenen Mutter geerbt habe. Er lacht, denn er ist froh, dass er das Gesicht unserer Mutter in dem meinem gefunden hat. Er war ja noch so winzig als sie gestorben ist und kann sich gar nicht an sie erinnern. Er ist zehn Jahre jünger als ich, also ungefähr zehn Jahre. Denn so genau weiß ich das nicht, weil ich mein eigenes Geburtsdatum auch nicht auf  den Tag, den Monat und das Jahr genau kenne, ebenso wenig wie mein Bruder seines kennt. Bei uns im Dorf war diese feste Zahlenabfolge, die die Europäer Datum nennen und die so unglaublich wichtig im Leben der reichen Länder ist, nicht wirklich relevant. Wichtig war nur, dass die Kinder gesund und stark auf die Welt gekommen sind.

Wenn Ihr wüsstet wie das Leben außerhalb des Schlosses Europa ist, wenn Euch bewusst wäre, wie es vielen Millionen Menschen in der Welt geht, weil ihr Alltag von Krieg, Gewalt, Armut, Hunger und Krankheit bestimmt ist. Wenn Ihr eine Ahnung davon hättet wie es ist, seine Heimat verlassen zu müssen – es reißt Dir das Herz aus der Brust, Deine Seele weint und trauert um die verlorene Muttererde, auch wenn es dort außer Krieg, Gewalt, Armut, Hunger und Krankheit fast nichts mehr gibt. Wenn Ihr wüsstet, wie sich das anfühlt, weil Du weißt, dass Du dieses Land, das Deine Heimat ist, dass Du diese Menschen, die Deine Familie sind, sehr wahrscheinlich niemals wieder sehen wirst. Wenn Ihr das wüsstet, wenn Ihr den Schmerz wirklich fühltet, dann würdet Ihr Euch schämen, von Armutseinwanderern zu sprechen, über die Aufnahme von 180.000 Kriegsflüchtlingen aus Syrien zu diskutieren und die Zäune Eurer Grenzen selbst niederreißen.

Djibril hat seine Heimat und seine Familie verlassen. Er hat für eine neue Heimat und eine neue Familie eine andere Identität angenommen. Aus Djibril, dem Senegalesen wurde Patrice, der Deutsche. Ousmane hat seine Heimat und seine Familie verlassen. Er hat keine Heimat mehr, wie es seiner Familie geht, weiß er nicht und eine Identität darf er nicht mehr haben. Aus Ousmane, dem Senegalesen wurde Ousmane, der Heimatlose.