Der riesige Baum wächst aus einem Samenkorn

„Er ist da,“ ruft meine Großmutter. Sie ist aus der Hütte getreten, blinzelt kurz in das gleißend helle Sonnenlicht, dann läuft sie los. Es ist an der Zeit, sich für den Freudentag einzukleiden. Schon vor einigen Monaten hat meine Großmutter angefangen, besonders edle Stoffe in leuchtenden Farben auszusuchen. Das war nicht immer einfach, denn unser Dorf ist klein und der Weg in die nächste größere Stadt, auf der es einen Markt gibt, ist weit. Aber meine Großmutter hat einen starken Willen und liebt schöne Kleider – obwohl oder vielleicht gerade weil sie auf dem Land aufgewachsen ist. „Er ist der Erstgeborene. Wenn er kommt, soll er sich nicht schämen müssen.“ Das erwidert meine Großmutter, wenn mein Großvater nicht verstehen will, warum sie so viel Energie in die Näharbeit steckt. Für ihn ist es wichtiger, dass die Frauen das Festmahl zubereiten.

Es ist ein Freudentag. Alle kommen zu unserer Hütte, um den Erstgeborenen zu sehen und ihren Segen auszusprechen. „Djibril,“ sagt meine Mutter. „Er soll Djibril heißen. Er wird ganz sicher ein großer Schauspieler.“ Das ist der Traum meiner Mutter. Ich soll über die Grenzen unseres Dorfes, ja, unseres Landes hinaus bekannt werden. Alle sollen sie meinen Namen kennen. Mein Vater schüttelt milde den Kopf. „Ich wünsche mir, dass er ein starker Junge wird,“ sagt er. „Dann wird er uns ein gute Hilfe in der Familie sein.“ „Keine Sorge, mein Sohn. Der riesige Baum wächst aus einem Samenkorn,“ antwortet mein Großvater. „Und Djibril ist ein gesundes Samenkorn, das höre ich an seinem kräftigen Schrei,“ fügt er lachend hinzu.

Die Frauen des Dorfes bringen Bissap, der heute besonders süß schmeckt. Die Männer prosten sich zu. „Möge Djibril stark wie sein Vater, schön wie seine Mutter, klug wie seine Großmutter und gewitzt wie sein Großvater werden,“ scherzen sie ausgelassen. Aus der Hütte der Nachbarin weht eine würzige Brise herüber. Dort kocht das Yassa Yap für das große Essen, zu dem das ganze Dorf eingeladen ist. Mein Großvater leckt sich über die Lippen, er hat Hunger.