Die kleinen Sterne leuchten immer während die große Sonne untergeht

„Ich bin mir sicher, dass Djibril einen Bruder bekommt,“ sagt mein Vater. Er steht gegenüber unserer Hütte auf der anderen Seite der Straße und diskutiert mit den Männern des Dorfes. Noch darf er nicht in die Hütte, bei der Geburt dürfen nur Frauen anwesend sein. Er wünscht sich einen zweiten Sohn, denn nach mir wurden noch drei Mädchen geboren, meine Schwestern Roubba, Korka und Bigué. Mein Vater glaubt an die Balance, alles muss im Gleichgewicht sein, auch das Verhältnis von Männern und Frauen. Er ist davon überzeugt, dass die Gefühle in Schieflage geraten, wenn es mehr Frauen als Männer oder mehr Männer als Frauen gibt. Das wiederum sei nicht gut für die Gesundheit. Zum Glück ist mein Vater ein sehr ausgeglichener Mensch, auch wenn unsere Familie gerade im Ungleichgewicht ist.

„Er ist da,“ ruft meine Großmutter. Meine Freunde und ich rennen barfuß zu unserer Hütte. Heute ist schulfrei, weil die Geburt ein wichtiges Ereignis ist. Wir haben bis gerade eben Fußball gespielt, jetzt recken wir neugierig unsere Köpfe in das stille Dunkel der Hütte. Schemenhaft zeichnen sich die Frauen am anderen Ende des Raumes ab. Ich sehe, wie der Staub im Sonnenlicht tanzt, das durch die Tür fällt. „Albouri, dein Sohn wartet auf dich,“ locken ihn jetzt die Frauen. „Ein Sohn,“ freut sich mein Vater und reibt sich erstaunt die Augen. Ich sehe an seinem Gesicht, dass er erleichtert ist.

„Komm, Djibril,“ flüstert mein Vater, als er an mir vorbei geht, um in den Raum zu treten. „Lass uns deinen Bruder begrüßen.“ Ich tauche in die feuchte Schwüle unserer Hütte ein und habe das ungute Gefühl, dass ein Fremder im Raum sein müsse. Ich sehe auf das winzige schreiende Bündel, das meine Mutter in ihren Armen wiegt und meine Kehle wird trocken. Da ist er, mein Bruder, klein und verletzlich und doch schon stark genug, den Pfeil der Eifersucht in mein Herz zu schießen. Meine Mutter strahlt über das ganze Gesicht, ich habe sie noch nie so schön gesehen.

Ich stürze aus der Hütte hinaus auf die Straße, nur schnell weg von hier, von diesem Bruder, der mein Herz bluten lässt. Tränen laufen heiß über meine Wangen, ich höre noch die Schreie hinter mir, weiß aber nicht, was sie mir zurufen, ob sie mir überhaupt zurufen oder ob sie den Namen meines Bruders lobpreisen. Ich laufe weiter bis auf das Feld hinaus, brauche Luft, atme tief. Da legen sich zwei Arme um mich, erst jetzt drehe ich mich um und blicke in die gütigen Augen meiner Großmutter. Sie lächelt, zieht sich an mich. Sie flüstert mir ins Ohr: „Hab keine Angst, kleiner Djibril. Ousmane wird dir nichts wegnehmen. Er ist gekommen, damit du das Erbe der Familie nicht alleine auf deinen Schultern tragen musst.“