Das Herz ist kein Knie, das gebeugt werden kann

Ich wollte meine Geschichte aufschreiben, schon lange hatte ich es vor. Es kam immer etwas dazwischen. Irgendwann erschien es mir ganz dringlich. Irgendwann, das war, als ich die Bilder gesehen hatte: Wacklige Boote voller Menschen, die auf unruhiger See dahintreiben. Menschen, die über baumhohe Zäune mit Stacheldrahtkrone klettern. Menschen, die vor der Turnhalle, die jetzt ein Dauerschlafsaal ist, stehen und schweigend rauchen – in Flipflops bei -11°. Ich sah das alles und da war es vorbei mit meiner Geschichte. Sie klemmte sich in meinem Herzen fest und wollte nicht mehr fort von dort. Sie schmerzt seitdem in meiner Brust, hinaus kann sie aber nicht.

Was tun? Jenna versucht alles, damit mir die richtigen Worte über die Lippen kommen, damit ich mich von meinen Geistern frei mache. Natürlich ist sie auch neugierig, Sie will wissen, wie ich nach Deutschland gekommen bin, was war, bevor ich Hans Gustav, Elisabeth, Emma und Lisa getroffen habe. Ich habe sie schon lange vertröstet. Später. Sage ich ihr. Später. Irgendwann erzähle ich dir alles. Ich habe es dir doch fest versprochen. Aber heute geht es nicht. Und vielleicht geht es auch niemals mehr. Aber das sage ich Jenna natürlich nicht, ich will sie nicht enttäuschen.

Das Herz ist kein Knie, das gebeugt werden kann. Eine Geschichte ist kein Drehbuch, das umgeschrieben werden kann. Ich kann nichts erzählen, weil ich meiner Geschichte jeden Tag begegne. Ich höre sie im Radio, wenn ich morgens aufwache. Ich sehe sie auf der Straße gegenüber meiner Wohnung, wenn ich aus dem Haus gehe. Ich treffe sie an der Straßenbahnhaltestelle und in der U-Bahn. Sie verfolgt mich, wenn ich die Zeitung aufschlage und springt mir entgegen, wenn ich Facebook aufrufe. Sie ist immer da, hat 1.000, nein, unzählige Gesichter, ist ein junger Mann aus dem Libanon, eine Familie aus Afghanistan, ein Kind aus Syrien, eine ältere Frau aus Libyen. Meine Geschichte ist die Geschichte der Anderen. Die Geschichten der Anderen sind alle meine Geschichte. Eines Tages erzähle ich sie. Vielleicht. Sehr vielleicht. Wenn mein Herz sich doch beugen lassen sollte.