Osthang

Ein paar Wolken sind aufgezogen, gestern war mehr Sonne. Trotzdem ist es immer noch mild. Der Winter ist dieses Mal fast unbemerkt an uns vorübergezogen, stattdessen beglückt uns ein andauernder Frühling. Ich bin nach Lauchhammer gefahren und laufe durch leere Gassen dieses verloren schönen Ortes, der mitten in der Niederlausitz seinen Platz eingenommen hat. Es gibt nicht viel zu tun hier. Nicht mehr. Mit dem Rückgang der Industrie sind die Menschen fortgezogen. Es gibt nicht viel Arbeit und nur noch wenige junge Menschen in dieser Region, die zu den Vergessenen gehört.

Schon seit Ende der 60er nimmt die Einwohnerzahl in dem industriell geprägten Städtchen beständig ab, eine Entwicklung, die mit der abnehmenden Bedeutung als Industriestandort einhergeht. Früher, das ist unschwer zu erkennen, war hier Bergbaugebiet. Hier wurde Braunkohle zu Tage gefördert und zu Briketts verarbeitet. Daneben war der Kunstguss ein angesehenes Handwerk in Lauchhammer: Neben Glocken wurden auch Badewannen gegossen, in denen fast alle Wannenbesitzer der DDR ihr heißes Bad genossen haben dürften. Noch heute werden Badewannen in Lauchhammer hergestellt – diese sind allerdings aus Acryl und nicht mehr aus Gusseisen, was vor allem zugunsten eines leichteren Gewichts geändert wurde.

Anfang 2006 war ich das erste Mal in Lauchhammer. Damals habe ich an einer Reportage über Gebäude, die unter Denkmalschutz stehen und kaum bekannt sind, geschrieben. Am Rand des Städtchens steht das „Castel del Monte der Lausitz„. Das Bauwerk sieht aus wie eine riesige fensterlose Trutzburg aus einem grotesken Ritterfilm. Der surreale Eindruck verstärkt sich noch durch den industriellen Charakter des Geländes drumherum. Ich habe mich gleich in diese einsamen, rohen, massiven Türme verliebt. Ich stieg zur Aussichtsplattform hoch (es war ein sonniger Tag, etwas wärmer als heute) und wähnte mich alleine, als ich plötzlich einem älteren Mann, der sich mir als Herr Klawitzki vorstellte, gewahrte. Herr Klawitzki erzählte mir, dass er von der Grundstein- bis zu Stilllegung der 24 Türme fast jeden Tag hier gewesen ist. Er machte nicht viele Worte, der Herr Klawitzki, aber als sein spröder Blick zärtlich den Horizont berührte, da wusste ich, dass ein Turmwächter vor mit stand.

Heute, fast neun Jahre später, ist Herr Klawitzki nicht da. Ich wünsche mir, dass es nur daran liegt, dass heute Sonntag ist und er zu Hause mit seiner Familie den Festtagsbraten anschneidet. Aber ich spüre, dass es nicht so ist, dass der Turmwächter nicht mehr kommen wird. Heute nicht und an keinem anderen Tag. Ich schaue über die karstige Landschaft und höre den Wind schweigen.