FÖHNKRANKHEIT

Ich leide an der Föhnkrankheit*. Berlin liegt zwar nicht in Alpennähe, aber der Luftdruck in meinem Bad ist morgens enorm. Ich habe drei verschiedene Haartrockner, einer davon hat einen Aufsatz (neudeutsch auch Booster genannt), um Locken besonders lockig aussehen zu lassen. Dann habe ich noch ein Glätteisen, falls es mal ganz ohne Locke sein darf (ich habe von Natur aus krauses Haar) und eine altmodische Trockenhaube von meiner Mutter. Die hat sie sich gekauft, als sie nach Deutschland gekommen ist. Wahrscheinlich habe ich diesen Föhnfimmel von meiner Mutter übernommen.

Josh lacht mich aus, wenn ich morgens vor dem Spiegel stehe und „allerlei Kunststücke mit dem Föhn vollführe“ – nach der ganzen Föhnerei sehe ich dann doch immer so aus, wie ich aussehe: wildes, krauslockiges Haar halt. Ich glaube, dass es Josh mag, wenn ich mit meinen Haaren herumspiele, denn es erinnert in an zu Hause. In USA machen die Frauen sich ständig andere, aufwendige Frisuren, die immer perfekt aussehen – diesen Eindruck habe ich zumindest, wenn ich Fotos von Freunden auf Facebook sehe. Ich schaffe es zwar nur selten, eine besondere Föhnwelle hinzubekommen, aber allein die Prozedur gefällt Josh, das spüre ich. Wenn er mir dann liebevoll eine Locke aus der Stirn pustet, fühlt es fast so an wie ein letzter, zarter Föhnhauch.

Wenn ich Josh ansehe, muss ich manchmal an unser Fast-Kind denken. Es wäre jetzt zwei Jahre alt, so wie Lisas und Vincents kleine Tochter. Vielleicht ist es ganz gut, dass ich Nina nie sehe, weil Lisa mich nicht mehr sehen will. Die Sache mit Josh hat uns entzweit. Dabei war es dieses Mal gar nicht meine Schuld. Emma und Josh haben sich ja nie mehr richtig eingekriegt, nachdem wir das erste Mal… Vielleicht ist es doch meine Schuld. Ich weiß nicht, ob die Liebe immer richtig ist oder ob man im Namen der Liebe die richtigen Entscheidungen trifft. Aber ich weiß, dass ich noch nie für jemanden so gefühlt habe, wie für ihn.

* Föhn bezeichnet einen warmen, trockenen Fallwind, der in Süddeutschland auf der Windrichtung abgewendeten Leeseite der Alpen bläst oder böig auftritt. Der Föhnwind wird in Zusammenhang mit Kopfschmerzen, Herz- und Kreislaufproblemen und Schlafstörungen gebracht. Gegen diese ausgeprägte Art der Wetterfühligkeit sollen kalte Kompressen helfen.