FRÜHJAHRSMÜDIGKEIT

Papa ist müde. Wir machen uns große Sorgen, Patrice, Lisa, Gertrude und ich. Aber Papa lacht nur und sagt, es sei die übliche Frühjahrsmüdigkeit*, die ihn immer zu dieser Zeit anfällt. Er sagt das, um uns zu beruhigen, denn es ist viel zu früh für diese Art der Müdigkeit, die ich außerdem noch nie an ihm gesehen habe. Er ist in den letzten Monaten erschreckend alt geworden. Ich kann gar nicht genau sagen, was sich an ihm verändert hat. Ein bisschen schmaler ist er geworden, vielleicht ist es das, was ihn älter und zerbrechlicher erscheinen lässt. Vielleicht sind es auch die bläulichen Vertiefungen um seine Augen und der blasse Teint, die ihm etwas schattenhaft Gespenstisches verleihen.

Als ich ihn gestern bei Gertrude besucht habe, saß er abwesend auf der Couch in Gertrudes Salon und nuckelte (anders kann man es nicht bezeichnen) dänisches Buttergebäck herunter. Er konnte kaum unseren Gesprächen folgen und Peter (er hat kurz bei seiner Tante vorbeigeschaut) hat mir einen beunruhigten Blick zugeworfen. Ein Blick mit Folgen, denn da bemerkte ich zum ersten Mal, dass auch Peter sich verändert hat.

Ich habe ihn immer als kleinen Jungen angesehen, Kumpel von Lisa und Vince mit Flausen im Kopf, hoffnungsloser Fall von Musiker. Doch jetzt plötzlich sieht er richtig erwachsen aus, männlich sogar. Er ist nicht mehr so nachlässig mit seinem Äußeren und scheint Sport zu treiben. Gefällt mir. Es ist das erste Mal seit der Trennung von Josh, dass ich einen Mann wieder ganz interessant finde – und dann ausgerechnet Peter. Vielleicht war es auch nur der Gegensatz, der mich gestern verwirrt hat: Während mein Vater zunehmend verschwindet, wird Peter immer präsenter.

Meine Mutter hätte gesagt: So ist das Leben – es ist ein Kommen und ein Gehen. Natürlich kann ich mich damit anfreunden, Peter mit anderen Augen zu sehen, aber ich will mich nicht damit abfinden, dass mein Vater von Tag zu Tag weniger ist. Ich denke an das Jahr, als meine Mutter gestorben ist. Ich habe ihm die Schuld an ihrer Krankheit gegeben und nicht mehr mit ihm gesprochen – er aber hat hartnäckig an unserer Beziehung festgehalten und solange den Kontakt zu mir gesucht, dass ich irgendwann meine Blockade aufgegeben habe. Ich habe ihn einen Egoisten geschimpft, ihn beleidigt und bespuckt und er hat es zugelassen. Als meine rohe Wut sich langsam in eine erlösende Trauer verwandelte, weinte ich lange an seiner starken Brust. Sein Brustumfang hat deutlich abgenommen. Das ist es, was ich nicht ertragen kann. Nie wieder werde ich an dieser Brust weinen können.

* Die Frühjahrsmüdigkeit bezeichnet ein starkes Gefühl von Erschlagenheit zu Beginn des Frühlings. Der Ursprung dieser Müdigkeit wird dem Wetterwechsel, der zunehmenden Sonnenstrahlung, einem veränderten Hormonhaushalt und Allergien wie Heuschnupfen zugeschrieben. Im Englischen spricht man übrigens von „spring fever“ (Frühlingsfieber) was vor allem mit Elan, Energie, Schwung und sexueller Lust, die durch den Frühling ausgelöst werden sollen, in Verbindung gebracht wird.