Vincent antwortet

Bist Du aufgeregt?

Ein bisschen vielleicht.  { lacht }. Nein, eigentlich gar nicht. Ich habe ja erst vor kurzem ein anderes Interview gegeben. Ich bin schon ein Profi.

Ok, prima. Ich stelle Dir jetzt ein paar Fragen und Du antwortest mir so schnell wie möglich. Du kannst alles sagen, was Dir zuerst in den Sinn kommt. Es ist ein assoziatives Interview, da zählt das, was der Bauch sagt mehr als das, was der Verstand sagt. Ok?

{ nickt }.

 Los geht’s. Zieh einfach eine Karte und dann hast Du 20 Sekunden Zeit, mir eine Stadt, ein Land, einen Fluss, einen Namen, ein Tier und einen Beruf zu nennen.

Auf Deutsch? Oder auch auf Französisch.

 Wie Du magst.

{ Vincent zieht eine Karte, dreht sie um und … }.

Albanie. Ach ne, das ist ja ein Land. Stadt zuerst. Ok, Arles. Das ist meine Geburtsort. Albanie. Amazone. Antoine – so heißt mein Cousin. Acteur. Äh, also Tier zuerst. Alligator. Acteur.

15 Sekunden, das war schnell. Dann lass uns mal zu den Fragen kommen. Auf welche Leistung bist Du besonders stolz?

Auf mein Kind. Hm, naja, stolz ist wohl der falsche Ausdruck. Und eine echte Leistung ist es auch nicht, wenn man mal davon absieht, wie es entstanden ist. { lacht }. Aber ich freue mich unglaublich auf den kleine Menschen, der ein Teil von mir und Lisa sein wird. Vielleicht bin ich irgendwann mal dann richtig stolz auf mein Kind – viele Eltern sind das ja.

Dein Lieblingskomponist?

Beethoven! Ich mag diese gewaltige, ungestüme Musik von Beethoven, die manchmal einen traurigen Zug hat und dann ganz still wird. Übrigens fällt mir Beethoven auch sofort ein, wenn ich an Deutschland denke. Das hab ich Emma auch gesagt, als sie mich damals im Interview gefragt hat, welches Bild mir als erstes in den Sinn kommt, wenn ich an Deutschland denke.

Deine Lieblingsblume?

Les Fleurs-de-Lys. Lilien. Aber nicht, weil sie das Symbol der französischen Monarchie sind. { lacht }. Sondern weil sie so gut riechen. Ich finde Geruch unheimlich wichtig.

Eine Webseite, die Du empfiehlst?

Oh je, das ist schwierig. Es gibt so viele Websites, was kann ich da schon empfehlen. Es gibt natürlich einige, die mir gefallen, wenn es um Design und Technik geht. Aber ob ich die empfehlen würde? Interessant finde ich Websites, die sich interaktiv mit der Geschichte beschäftigen. Spontan fällt mir diese ein: www.zerschlagung-gewerkschaften1933.de. Da geht es um die gezielte Zerstörung der vielfältigen Gewerkschaftskultur durch die Nationalsozialisten. So was finde ich sehr spannend, weil man diese Website auch als Stadtführer benutzen kann.

Was verabscheust Du am meisten?

Ausbeutung. Das ist ein sehr komplexes Thema, dass sich nicht so einfach und schnell mit diesem Schlagwort erschöpfen lässt. Wir alle sind Teil der weltweiten Ausbeutung, ob wir das nun wollen oder nicht. Unser modernes globales Staatensystem besteht aus vielen verdeckten Abhängigkeiten, die Zusammenhänge zwischen Armut und Reichtum sind so komplex, dass es so gut wie unmöglich ist, nicht zu den Ausbeutern zu gehören, wenn man in West-Europa geboren und aufgewachsen ist.

Dazu kommt, dass wir das Verantwortungsgefühl für die Gesellschaft verloren haben. Wir kümmern uns weitgehend nur noch um uns selbst, weil wir überfordert sind mit der Größe, die unsere Gesellschaft angenommen hat. In den modernen Staaten leben mehrere Millionen, manchmal sogar Milliarden Menschen. In Europa sind es mehrere 100 Millionen – wie soll ich da als Bürger ein Verantwortungsgefühl für andere Menschen entwickeln, die für mich erst mal nur eine ungeheuerlich große Zahl darstellen?

In anderen Gesellschaften w.z.B. in Stämmen hat jeder eine Aufgabe und das Engagement bezieht sich auf den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Dieses Gefühl geht verloren, wenn die Gemeinschaft zu groß und damit zu abstrakt wird. Dann gibt es nämlich zu viele Probleme, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, die zudem weit weg und anonym sind. Es ist schwierig, da noch Mitleid im Sinne von Mitgefühl zu entwickeln und oft stellt sich Resignation angesichts der 100.000 Probleme ein. Wofür soll ich mich engagieren, wem soll ich helfen, was kann ich tun? Am Ende tun wir nichts, aber auch dann, wenn wir nichts tun, können wir eines nicht lassen: Wir sind Teil des Systems, dass auf Ausbeutung basiert.