WERTHERSFIEBER

Valentinstag. Vor mir ein Haufen roter Rosenblätter, samtigweicher Scherbenhaufen verlorener Liebesbemühungen. Sie hat NEIN gesagt. All meine Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft sind zunichte gemacht. Sie hat sich für den anderen entschieden, den Streber mit dem guten Gehalt und der teuren Eigentumswohnung, der ihr eine sichere Zukunft bieten kann. Sie hat keine Angst davor, dass ihr langweilig werden könnte mit ihm. Lieber so als ein wackeliges Abenteuer mit mir, hat sie gesagt. Dabei hat sie ihren Blick gesenkt und die Blütenblätter von den halbentfaltenten Knospen gepflückt.

Meine Wangen sind hitzig, doch ich fröstele am ganzen Körper. Das Herz will aus meiner Brust springen, die Hände taub, der Hals ganz rauh. Das Werthersfieber* hat sich meiner bemächtigt. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, alles dreht sich um die Frage, ob ein Leben ohne diese Liebe sich noch lohnt? Ich sehe sie vor mir, ihre dunkelblonden Locken fallen schwer über den gebeugten Kopf, ihre Schultern schmal. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, ich habe schon jetzt, eine Stunde nachdem Sie mich verlassen hat, vergessen, welche Farbe ihre Augen haben. Aber die Locken haben sich in meine Seele eingebrannt, sie winden sich um mein Herz, rauben mir die Luft zum Weiterleben. Ich will sterben, ruft meine Stimme mir zu, ich kann ohne sie nicht sein.

Rot tropft das Blut auf die weiß lackierte Oberfläche des Tisches. Es ist ein anderes Rot als das der Rosen. Heller, glänzender. Erstaunt blicke ich auf das Messer, die Klinge ist scharf und hat zwei saubere Schnitte gemacht. Ruhig liegen meine Hände auf dem Tisch, die Gelenke nach oben gedreht pulst der Lebenssaft aus meinen Adern. Ich werde müde, schließe meine Augen. Bald wird dieser Kummer in meinem Herzen versiegt sein, bald – nur ein paar Pulsschläge noch.

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Was für ein Drama. Zum Glück bin ich weit weg von solch romatischen Empfindungen hab einfach keine Zeit dafür. Aber für den Auftrag lege ich mich gerne ins Zeug. Ein bisschen Tragik kann nicht schaden. Sie wollen ja einen kurzen Essay zum Thema sehen, bevor ich mich an den Songtext machen darf. Dürfte ganz gut funktionieren. So, abgeschickt. Jetzt heißt es: abwarten. Geduld ist nicht gerade meine Stärke. Aber seitdem ich Parties meide und die Finger vom Saufen lasse, läuft’s ganz gut mit der Musik. Wenn auch nicht mit der eigenen Band, dann wenigstens beim Songwriting. Die sind ganz scharf auf meine Texte. Hätte nicht gedacht, dass mein klarer Kopf so viel Poetisches produzieren kann. Stimmt schon: Manchmal muss man eine Vollbremsung machen, damit der U-Turn gelingt. Bis jetzt klappt’s gut.

Wie spät ist es? Gut, ich geh dann mal laufen.

roses

* Altmodische Bezeichnung für den unglücklichen Liebeskummer. Leitet sich von dem Namen der tragischen Hauptfigur aus Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ ab. Der junge Werther leidet unter seiner unerfüllten Liebe zu einer verheirateten Frau und sieht nur im Freitod die Erlösung. Im späten 18. Jahrhundert wurde das Werthersfieber regelrecht schick unter jungen Männern, die sich eine hohe Sensibitität zu eigen machten.